Schon seit Wochen freue ich mich auf meinen Opernnachmittag in Niederbayerns Hauptstadt. Um neun fahre
ich nach Seeg. Der Bahnverkehr ist hier eingestellt. Beinahe verpasse ich den Ersatzbus, der kommt ein paar
Minuten zu früh und wartet nicht auf die fahrplanmäßige Zeit. Ab Marktoberdorf fährt dann wieder Eisenbahn.
Das Umsteigen in Buchloe ist normal. München
Hbf. ist dann im Plan. Aber von München zum
nahen Freising zu gelangen und von dort in einen
Zug nach Landshut zu kommen ist ein Abenteuer.
Eigentlich wollte ich ja gemütlich durch Landshut bummeln, was angucken und auch
einkehren. Aber ich bin erst nach zwei am Bahnhof, um vier beginnt die Vorstellung.
Das provisorische Theaterzelt liegt am anderen Ende der Stadt. Für Aufenthalte ist kei-
ne Zeit mehr. Aber ich will wenigstens einiges im Vorbeigehen sehen. Ich gehe zu Fuß.
St. Martin, welthöchster Backstein-Kirch-
turm, höchster Kirchturm Bayerns, 130 m.
Altstadt ist hier auch ein Straßenname,
Neustadt parallel dazu ebenfalls und ge-
hört auch zur Altstadt im üblichen Sinne.
Zu Fuß hätte ichs nur knapp zur Vorstellung geschafft - ich fahre das letzte Stück mit dem
Bus und hab so noch Zeit für Garderobe. Ich habe einen guten Platz in der Mitte. Es beginnt
mit "Trial By Jury" von Sullivan / Gilbert. Ein hübscher Klamauk - Richter macht Anklä-
gerin erfolgreichen Heiratsantrag. Brilliant die Ensemble-Sätze mit vielen Chor-Einwürfen.
Nach der Pause dann Puccinis Gianni Schicchi - meine Lieblingsoper von ihm. Vor Theater-
beginn war im Textfeld über der Bühne das Verbot von Video und Tonaufzeichnungen ein-
geblendet - Foto war nicht erwähnt. Ich hab meine dennoch möglichst unauffällig gemacht.
Die Anachronismen fand ich super: Der Notar benutzt
einen Laptop und wird anschließend mit Karte bezahlt.
Hier bittet Schicchi das Publikum um mildernde
Umstände. Zu den Schlusstakten tanzt er. Mit diesem
grandiosen Opernerlebnis lässt sich die nervige Rück-
fahrt ertragen. Ich bin noch bis halbzwölf unterwegs.